RISIKOGRUPPEN UND DAS IMMUNSYSTEM

NEUE ERKENNTNISSE

Ältere Menschen und Menschen mit Grunderkrankungen sind besonders gefährdet, an einem schweren COVID-19 Verlauf zu erkranken. Zu den Risikofakten für einen schweren Verlauf gehören beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes. Doch warum kommt es bei diesen Personengruppen häufiger zu einer schwer verlaufenden COVID-19 Infektion? Aus einer Studie der Charité – Universitätsmedizin Berlin geht hervor, dass einer der Gründe eine Art“ Immunbremse“ sein könnte. Wichtige Abwehrzellen des Immunsystems, sogenannten T-Helferzellen werden bei diesen Risikogruppen zwar besonders häufig gebildet, sind jedoch in ihrer Funktion eingeschränkt.

Bevölkerung mit einem erhöhten Risiko für schwere COVID-19-Verläufe in Deutschland

Für die vom Robert-Koch-Institut ausgewertete Studie GEDA 2019/2020-EHIS wurde bundesweit eine telefonische Querschnittbefragung zwischen April 2019 und Oktober 2020 durchgeführt. Insgesamt haben 23.001 Personen im Alter von über 15 Jahren teilgenommen. Als mit einem erhöhten Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf wurden die Befragten in Bezug auf das Alter (65 Jahre und älter) und die Vorerkrankungen (z.B. Bluthochdruck, Adipositas, koronare Herzkrankheit etc.) eingestuft. Die Untersuchung hat ergeben, dass 36,5 Millionen Menschen in Deutschland ein erhöhtes Risiko für einen schweren COVID-19- Verlauf haben. 21,6 Millionen Menschen gehören der Hochrisikogruppe an. Die meisten Betroffenen sind älter als 65 Jahre. Sie sind also aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters Teil der Risikogruppe. Jedoch weisen auch 15,5 Millionen Deutsche unter 60 ein erhöhtes Risiko auf. Ein Geschlechterunterschied liegt besonders im Alter zwischen 45 und 49 Jahren vor. Hier gehören 35,3% der Frauen und 45% der Männer der Risikogruppe an. Einen größeren Anteil der Hochrisikogruppe, im Vergleich zu denjenigen mit mittlerer (21,9%) und hoher Bildung (23,9%), machen Personen mit geringerer Bildung (49,2%) aus. 45,9% der Personen, die der Risikogruppe angehören, leben allein. In Bezug auf die Hochrisikogruppe sind sogar 53,5% der Menschen als alleinstehend gemeldet. Im Saarland und in den ostdeutschen Ländern leben anteilig die meisten Menschen mit erhöhtem Risiko.

T-Helferzellen – ein Übeltäter für einen schweren Covid-19 Verlauf?

In der Studie der Charité wurde das Blut von 39 Patient*innen mit einer COVID-19 Infektion untersucht. Aus jeder Blutprobe wurden Immunzellen gewonnen, die mit künstlich hergestellten Bruchstücken des COVID-19 Erreger stimuliert wurden. Anschließend wurden mit Hilfe von Farbstoffen die T-Helferzellen sichtbar gemacht, die auf die Virus-Bruchstücke reagierten. Durch diese Methode konnte festgestellt werden, ob ein Zusammenhang zwischen der Anzahl der aktivierten T-Helferzellen und den Risikofaktoren der Patienten existiert.

Immunzellen „ausgebremst“

Ergebnisse der Studie zeigen, dass die untersuchten COVID-19 Betroffenen mit steigendem Alter mehr Virus-spezifische T-Helferzellen aufwiesen. Auch konnte derselbe Zusammenhang für die Schwere von 19 verschiedenen Grunderkrankungen ist. Je schlechter der Gesundheitszustand bei den Betroffenen, desto mehr Virus-spezifische T-Helferzellen zirkulierten im Blut. Einfach formuliert bedeutet dies, dass ältere Menschen und Risikopatienten ausgesprochen viele Virus-spezifische-Helferzellen produzieren.

Die übermäßig vielen T-Helferzellen waren bei den untersuchten Patienten*innen in ihrer Funktion jedoch teilweise eingeschränkt. Sie werden bei Menschen mit Risikofaktoren also gewissermaßen ausgebremst, was laut Dr. Arne Sattler, leitender Erstautor der Studie von der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie der Charité für eine effiziente Bekämpfung des COVID-19 Erregers hinderlich sein könnte. Dies geschieht durch die verminderte Produktion des Botenstoffes Interferon gamma (IFNy), der für die Stimulierung weiterer Komponenten der Immunabwehr wichtig ist.

PD-1: mitverantwortlich

Es konnten Hinweise darauf gefunden werden, dass das sogenannte Protein D-1 für diesen Effekt verantwortlich ist. Das Protein PD-1 sorgt normalerweise auf den Oberflächen der T-Zellen dafür, dass Immunantworten sich beispielsweise nicht gegen den eigenen Körper richten. Dieses Protein wurde bei akuten COVID-19 Infektionen deutlich mehr gebildet als bei vergleichsweise milden COVID-19 Infektionen. Sattler geht davon aus, dass PD-1 mitverantwortlich dafür sein könnte, dass das Immunsystem bei einigen COVID-19-Betroffenen zu wenig Botenstoffe zur Erregerabwehr ausschüttet.

Weitere Studien sind nötig, um herauszufinden, ob COVID-19-Patient*innen von Therapien profitieren, die darauf abzielen, die beschriebene „Immunbremse“ wieder zu lösen.

Quellen
  • Kurth, F., Roennefarth, M., Thibeault, C., Corman, V. M., Müller-Redetzky, H., Mittermaier, M., … Sander, L. E. (2020). Studying the pathophysiology of coronavirus disease 2019: a protocol for the Berlin prospective COVID-19 patient cohort (Pa-COVID-19). Infection, Vol. 48, pp. 619–626.
  • Sattler, A., Angermair, S., Stockmann, H., Heim, K. M., Khadzhynov, D., Treskatsch, S., … Kotsch, K. (2020). SARS-CoV-2 specific T-cell responses and correlations with COVID-19 patient predisposition. The Journal of Clinical Investigation.
  • Robert Koch-Institut (2021). Bevölkerung mit einem erhöhten Risiko für schwere COVID-19-Verläufe in Deutschland. Auswertungen der Studie GEDA 2019/2020-EHIS. Journal of Health Monitoring.

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